8mR WM-Titel mit Mast- und Schotbruch

Aluette vor Toronto 2010Nach Schiffshavarie und Grossbaumbruch, sowie Platzwunde am Kopf doch noch den begehrten offiziellen Titel des Weltsegelverbandes ISAF an den Bodensee bringen, ist eine ganz hervorragende Leistung. 5 Tage kämpften die Segler vor Toronto um den begehrten Pokal der internationalen 8-Meter Rennyachten auf dem Lake Ontario mit einem Erfolg für 6 Segler vom Bodensee. Teilweise eine Wellenhöhe von bis zu 4 m und immer wieder Böen bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h machten den erfahrenen Seglern das Siegen nicht gerade leicht.

„The Helmsman“, wie er nur noch genannt wurde, Torsten Müller, (Yacht Club Meersburg), steuerte mit Gespür für Wind und Welle, das schweizerische Boot Aluette, sicher in allen Manövern drei Mal zum Sieg. Ein dritter Platz als schlechtestes Ergebnis, wurde am Tag des Aufbaus des Schiffes gefahren, wobei hier vielleicht Konzentrationabriss und Stress im Vordergrund stand. Am zweiten Wettkampftag frischte der Wind auf und die Wellen nahmen die 4m-Marke. Fast unmerklich riss der Grossbaum im vorderen Drittel und verletzte E. Bieri am Hinterkopf durch ein Vorbeistreichen der Abrisskante. Schnell war ein Tenderboot vor Ort, nahm den verletzten auf und brachte ihn an Land. 9 Stiche am Hinterkopf und ein ausgeliehener, neu vermessener und umgebauter Grossbaum war das Resultat des noch nicht gestarteten 2. Regattatages. Die nächsten Rennen wurden mit vollem Einsatz und ohne weitere Zwischenfälle gefahren.

Schon am vorletzten Wettkampftag stand fest, dass Aluette nicht mehr einzuholen war. Der 5-jährige Kampf mit „Lafayette“, einem Team aus Schottland, welches Aluette letztes Jahr den Titel abringen konnte, wurde jetzt mit einem 3:1 entschieden. Die Mannschaft der Aluette wurde komplettiert mit Stefan Schneider (Taktiker; SV Dingelssdorf und Konstanzer Yacht Club), Günther Reissacher (Segler Vereinigung Staad), Ernst Bieri und Christian Gassner (beide Altnauer Segel Club) sowie Markus Olbrecht (Yacht Club Romanshorn).

Die 15 teilnehmenden Teams aus 5 Nationen, waren allesamt mit neuester Segelgarderobe der weltweit führenden Segelmachereien und ausgelesenen Crewmitgliedern am Start. Alle Boote mit viel Liebe gepflegt und für diesen Wettkampf hergerichtet. Ausrichtender Club war der von der englischen Königin gegründeter „Royal Canadian Yacht Club“ (RCYC), der mit langer und erfolgreicher Olympiateilnehmergeschichte - hatten neben Olympiateilnehmern sogar einen ehemaligen Silbermedaillensieger (Terry Hutchinson – damals im Flying Dutchman) als Steuermann aufgeboten. Die komplettrenovierte Yacht „Raven“ konnte den Titel in der Wertung der Traditionsyachten (gebaut vor 1960) vergönnt, die auch mehrere der „modernen“ Rennyachten besiegen konnte. Auf dem Vorschiff wieder ein Mann vom Bodensee: Reinhard Brucker von Yacht-Werft GB Göppinger & Brucker GmbH Kressbron, der trotz seinem schweren Unfall am Fuss letztes Jahr, dieses Jahr schon wieder auf dem Vordeck stand.

aluette5Was als Erfolgsgeschichte für „Aluette“ ein gutes Ende nahm, hatte nach erfolgversprechendem Frühjahrstraining (Trimmschläge und Manöver- sowie Materialergänzung) auf dem Bodensee holprig begonnen: zuerst ab 2. Juli langes Warten in Antwerpen am Pier, dann scheiterte der erste Versuch den Atlantik zu überqueren an einem Motorschaden des Containerschiffes im östlichen Atlantik , welches nach Le Havre zurückgeschleppt werden musste. Nach der Umladung und neuerlichen Verzollung war die gesamte Zeitreserve für den Transport verbraucht und Aluette traf gerade einmal 28h vor dem Start der ersten Wettfahrt in einem Hafen von Sorel bei Montreal ein. Nach Zolldeklarierung und Umladung auf einen Peterbilt-Tieflader lagen noch 450 km nach Toronto vor der Einwasserung, wo ab Mitternacht bei strömendem Regen der Mast (von 20 Metern Länge) gestellt und das 7,5-Tonnen-Schiff in die Fluten gesetzt wurde. Der Schlepp zur gegenüberliegenden Vorinsel von Toronto, zu Hafengelände des RCYC in den frühen Morgenstunden und die erforderliche, für Aluette verschobene Regattvermessung anschliessend – bei offiziellen Weltmeisterschaften in Konstruktionsklassen unerlässlich – raubte der Mannschaft die letzte Schalfmöglichkeit. Alle Konkurrenten konnten eine Woche zuvor schon als Auftakt die nordamerikanischen Meisterschaften und viele Trainingsschläge vor Toronto segeln.

Ohne tatkräftige Hilfe der Organisatoren des Worldcups wäre Aluette nicht rechtzeitig zur Meisterschaft segelfertig gewesen – die bekannte kanadische Gastfreundschaft wurde hier eindrucksvoll vorgelebt.

von Iris Metten